Aktive Klienten - Aktive Politik? (Wie) Läßt sich dauerhafte Unabhängigkeit von Sozialhilfe erreichen? Ein Literaturbericht



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Die vorliegenden quantitativen und qualitativen Ergebnisse der dynamischen
Armutsforschung weisen darauf hin, dass es ein hohes Aktivitatspotenzial unter den
Sozialhilfebeziehenden gibt. Sozialhilfebezug ist haufig nur von kurzer Dauer, und die
meisten Betroffenen unternehmen aktive Versuche die Sozialhilfe zu überwinden. Die
Einflussfaktoren auf die Bezugsdauer, insbesondere Ausstiege in den Arbeitsmarkt, sind
recht gut erforscht. Die Bezugsdauer hangt mit verschiedenen sozialstrukturellen Faktoren
und Problemlagen zusammen. Personengruppen mit "guten" Ressourcen (berufliche
Qualifikation, keine gesundheitlichen Einschrankungen, mittleres Alter) konnen den
Sozialhilfebezug relativ schnell durch Arbeitsaufnahme beenden. Langere Bezugszeiten
hangen haufig mit bestimmten Lebenssituationen wie Alter, Krankheit oder
Kindererziehungszeiten zusammen oder verweisen auf Lücken im Bereich der sozialen
Sicherung, z.B. beim Familienlastenausgleich. Die Ergebnisse zum Einfluss der Situation
auf dem Arbeitsmarkt auf Sozialhilfeausstiege sind widersprüchlich,19 wahrend der Einfluss
institutioneller Faktoren eher gering zu sein scheint. Es ergaben sich auch keine Hinweise
für das Vorliegen einer "Armutsfalle".20 Auch nach langerem Sozialhilfebezug sind noch
Ausstiege aus der Hilfe moglich.

Drei Erganzungen sind jedoch zu machen:

Erstens sollte nicht übersehen werden, dass es neben den aktiven Klienten auch Gruppen
gibt, bei denen sich der Sozialhilfebezug verfestigt hat oder zu verfestigen droht. Hier
handelt es sich haufig um "Multiproblemfalle", d.h. finanzielle, gesundheitliche,
bildungsmaβige und andere Benachteiligungen treten zusammen auf. Die Betroffenen haben
kaum Chancen, von Sozialhilfe unabhangig zu werden, und werden mit der Zeit immer
passiver und hoffnungsloser. Dieser Typ wurde insbesondere in qualitativen Analysen
herausgestellt: "Personen mit verfestigter Armutskarriere erleben die Sozialhilfe tatsachlich
als ,Teufelskreis’. Es handelt sich überwiegend um jüngere, alleinstehende Manner.
Diskontinuierliche, kritische Erwerbskarrieren, die selbst auf frühe soziale Probleme oder
frühe kritische Ereignisse zurückgehen, bahnen schon in jungen Jahren den Weg in die
Sozialhilfe. Die Manner sind langzeitarbeitslos, gering qualifiziert und beziehen dauerhaft -

19 In der Arbeitslosenforschung wird dagegen haufig ein Einfluss der Arbeitsmarktsituation und
anderer regionaler Kontextfaktoren auf die Chancen des Abgangs aus Arbeitslosigkeit festgestellt
(Rudolph 1998; Blaschke/Nagel 1999; Gilberg u.a. 1999; Bender u.a. 2000; Vollkommer 2000;
Hirschenauer 2001). Je starker der Einfluss solcher Kontextvariablen ist, desto weniger Spielraum
besteht für die Sozialhilfeverwaltung steuernd einzugreifen und Einfluss auf die Verbleibsquoten
zu nehmen.

20 Vgl. auch die Schlussfolgerung von Brennecke u.a. (2001a: 31): "Das Vorurteil, Sozialhilfe sei
ein ,süBes Gift’ oder eine ,Hangematte' des Sozialstaates, in dem es die Selbsthilfekrafte der
Leistungsberechtigten ermatten lasse und eher Anreize zur Untatigkeit als zur Erwerbsarbeit biete,
bestatigt sich nicht. Wir haben zeigen konnen, dass Phasen mit Sozialhilfebezug haufig recht lang
andauern, aber ihr Grund wie ihre Dauer aus der Lebenslage der LeistungsbezieherInnen heraus
plausibel erklarbar sind. Ebenso wird deutlich, dass auch lange Bezugsverlaufe mit dem Wechsel
der riskanten Lebenslage enden".



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